Nachtgedanken

von Heike Rost am 5. März 2017

in Betrachtung

»Ich mag dich nicht immer – aber ich liebe dich immer!« sagte mein Großvater zu meiner Großmutter. Immer dann, wenn sie sich gestritten haben, unterschiedlicher Meinung waren. Sieben lange Jahre haben sie aufeinander gewartet, bis ihre Familien mit einer Hochzeit einverstanden waren. So war das damals, als die beiden sich gefunden haben, sie die Liebe seines Lebens so wie er ihre. Und nie gingen sie abends zu Bett, ohne sich in den Arm zu nehmen. Sie wollten die manchmal durchaus bösen Worte nicht in den nächsten Tag mitnehmen…

Einige Jahre, bevor ich zur Welt kam, starb mein Großvater; ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Dennoch begleitet mich seine Bemerkung über die Liebe. Oft genug habe ich sie als wichtig und wahr empfunden, auch in ganz anderem Zusammenhang. Ob in der Begegnung mit Menschen oder in Beziehungen aller Art von Freundschaft bis Liebe – die Haltung, die in diesem schlichten Satz versteckt ist, hat viele Facetten, über die nachzudenken sich lohnt.

Loyalität: Ein großes Wort, das auch im Kleinen wichtig ist; dann, wenn jemand etwas nicht gut kann – oder gar nicht. Kein Grund, auf jemanden herabzusehen. Aber auf jeden Fall Grund, genau dann Hilfe anzubieten und zuzupacken, wo nötig. Im Nachhinein gehört auch dazu, diese Hilfe weder aufzurechnen oder Gegenleistungen zu erwarten, noch sich anderen gegenüber darüber zu mokieren oder sich damit zu brüsten.

Respekt: Auch ein großes Wort. Aber wer von uns weiß schon, welche Kämpfe, Schmerzen und Geschichten jemand im Lauf seines Lebens erlebt, führt und mit sich trägt? Glücklich ist derjenige, dem Einsicht geschenkt wird, wenn das Gegenüber sein Schneckenhaus für einen Moment öffnet. Jemand anderem Schmerz zu offenbaren ist selten gleichbedeutend mit Schwäche, sondern vielmehr mit Mut. Und sollte viel öfter bedeuten, dann eine Hand zu reichen, zu umarmen oder einfach da zu sein.

Achtsamkeit: Ein überstrapazierter Begriff,  dennoch grundsätzlich wichtig. Wer genau hinsieht, -hört und -spürt, erkennt in Menschen bisweilen ganz anderes. Wie oft entpuppt sich robustes Auftreten als Unsicherheit oder gar Angst: vor Zurückweisung – oder vor Verlassenwerden. Das Gefühl des »nicht genug sein« bringt manchen Menschen dazu, sich überraschend merkwürdig, agressiv, schroff zu verhalten. Wendet sich das Gegenüber ab, bestätigt das die eigene Angst: »Ich hab’s ja gewusst.«

Mir fielen noch viele Worte ein. Demut, Verzeihen, Güte … vielleicht für einen anderen Blogpost, vielleicht auch nicht. Eins aber bleibt von meinem Großvater und ebenso von meiner Großmutter, die mir so oft von ihm erzählte: »Ich mag dich nicht immer, aber ich liebe dich immer.«

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Morgenwette in 3400 Zeichen

von Heike Rost am 2. März 2017

in Betrachtung

Eine morgendliche Runde im Wintersonnenschein, über Felder und Wiesen: Unter den Sohlen bricht knirschend die dünne Eisschicht der Pfützen. Zweige funkeln im Licht; winzigen Prismen gleich, leuchten in den Reifkrusten kleine Regenbogen. Es ist so hell, selbst eine Sonnenbrille schützt nicht vor dem gleißenden Licht. Wie Scherenschnitte reihen sich die Silhouetten der rheinhessischen Hügel; zwischen ihnen liegt leichter Dunst. Vogelzwitschern in den Hecken und Knicks, so heißen die Grenzen zwischen den Feldern. Ein bißchen Frühling, einige winzige Blüten einer Wildblume im windgeschützten Winkel. Nur nicht pflücken, ein kleines Winterwunder verdient es, dort weiter zu blühen.

Die windstille Luft schmeckt rein und frisch, es prickelt und kitzelt im Gesicht. Fingerspitzen in Wolle gehüllt, fröstelnd mit Pullover und Steppweste, die Füße in Stiefeln: Frost zwickt in die Zehen, den Wollsocken zum Trotz. Es ist ein Morgenvergnügen sondergleichen, sich zwecks Gehirnentlüftung ordentlich zu bewegen. Einerlei bei welchem Wetter, diese eine Stunde [Weiterlesen…]

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Begegnungen – in Farben und Licht

von Heike Rost am 4. Oktober 2016

in Begegnung

Bild 01Jetzt hängen sie wieder, in neuen Rahmen, mit feinen Passepartouts: Zwei meiner Lieblingsbilder, die ich vor langer Zeit gekauft habe. Sie begleiten mich seit Jahren, sind mit mir umgezogen, waren auf Wanderschaft vom Büro in den Konferenzraum und von dort weiter in die Wohnung. Zwischendrin haben sie – sorgfältig verpackt in säurefesten Kartonmappen – eine Weile im Verborgenen gelegen. Sie sind eine Erinnerung an berührende Begegnungen, mit Paul und seiner Frau Hanna. Als junger Mann im Zweiten Weltkrieg überlebte er nur um Haaresbreite eine schwere Kopfverletzung und hatte das unfassbare Glück, keine bleibenden Schäden davonzutragen. Es hat ihn aufmerksam gemacht auf die Leiden anderer, denen er gemeinsam mit Hanna zu helfen beschloss. Als Seelsorger, aber auch als Leiter eines Wohnheims für behinderte Menschen im Süden Deutschlands.

Mit Künstlern aus aller Welt verband ihn eine intensive, bereichernde Freundschaft: In seiner Wohnung hingen überall ihre Werke, Größen der Kunst wie Jackson Pollock, Joseph Beuys und viele mehr waren ihm Inspiration, Denkanstoß … und brachten ihn dazu, mit den Bewohnern der Diakonie Wehröfflingen ein besonderes Experiment zu wagen. Begegnungen mit Künstlern und ihren Bildern, die den Menschen in der Diakonie einen anderen, überraschenden Blickwinkel eröffneten. Sie ermutigten, selbst mit Pinsel, Farben und Leinwand ihren inneren Welten Ausdruck zu verleihen. [Weiterlesen…]

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A thought on patience

von Heike Rost am 3. März 2016

in Betrachtung

web_20150505MehrMeer-5194 »Patience is not sitting and waiting, it is foreseeing. It is looking at the thorn and seeing the rose, looking at the night and seeing the day. Lovers are patient and know that the moon needs time to become full.«  ~ Shams Tabrizi (1185–1248)

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Die leeren Dörfer Brandenburgs

von Heike Rost am 22. Februar 2016

in Beobachtung

Oktober 2015, unterwegs von Leipzig nach Berlin. Die Autobahn ist nach einem schweren Unfall gesperrt, deswegen bin ich hinter Niemegk abgebogen auf die Landstraße. Herbst in Brandenburg, das Wetter passt – unter einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel glüht das Laub der Bäume in allen Schattierungen von Feuer. Die Farben der Landschaft und Orte wirken wie aus einer anderen Welt, erinnern an die Beschreibungen Theodor Fontanes. Kopfsteinpflaster aus grobem Blaubasalt, »Katzenköpfe«, macht die Fahrt zu einer reifenrumpelnden Angelegenheit. Entlang der Strecke lassen die Dörfer und Städtchen Kindheitserinnerungen wach werden: Lattenzäune »mit Zwischenraum hindurchzuschaun«, so hätte Morgenstern sie beschrieben. Mal frisch gestrichen, mal windschief und verwittert, manchmal zerbrochen und umgestürzt.

Hinter ihnen breiten sich Bauerngärten neben, vor und hinter den Häusern. Teils verwildert, teils gepflegt, leuchtend vor späten Blumen. Jungfer im Grünen, ein paar Margeriten, zarte Cosmea-Blüten zwischen den Zaunlatten wippen leise im Wind. Bunte Zinnien, Dahlien, leuchtende Ringelblumen, späte Rosen. Und viele Obstbäume, deren Äste sich fruchtschwer der Erde entgegensenken. Äpfel, Birnen hängen als farbenfrohe Tupfer hoch oben, liegen als Fallobst im tiefen Gras und am Straßenrand. Nur noch wenige Häuser in diesen Dörfern sind bewohnt. Einige sind sorgfältig wieder hergerichtet, einige verfallen still vor sich hin. Viele der kleineren Gebäude stehen leer. Ihre blinden, staubigen Fenstern verraten: Das ist schon eine ganze Weile so. Mit heruntergelassenen Rolläden reihen die kleinen Häuser aus friderizianischer Zeit entlang der Dorfstraßen. Ab und an knarrt ein Fensterladen im Wind, als ob er seine Flügel vorsichtig erprobt, um der Leere dort zu entfliehen.

IMG_3186 Eigentlich wollte ich ein wenig durch eins dieser Dörfer schlendern, auf der Suche nach meinen Kindheitserinnerungen anderen Orts. Wollte Bilder machen, von der Kopfsteinstraße mit ihren verfallenden Häusern und verwilderten Gärten, Tonaufnahmen der Stille machen, die nur selten von Reifengerumpel auf dem Blaubasalt und ein paar Vogelstimmen gestört wird. Kaum bin ich aus dem Auto ausgestiegen, bewegt sich in einem Häusern mit den verkrusteten Fenstern sachte ein Vorhang. Ich habe niemanden gesehen, keine Hand, die den Vorhang zur Seite gezogen hat. Vielleicht war es nur ein Windstoß. Wenig später, als ich um die Ecke bog, wird mir klar: Das war kein Luftzug. Wie aus dem Boden gewachsen, steht ein Hüne vor mir, pflanzt sich breitbeinig vor mir auf , fuchtelt mit beiden Händen und brüllt mich an: »Was willst Du hier? Scheiß-Immobilien-Hai, elendes Dreckspack, verpiss Dich, sonst gibts auf die Fresse!« Nur kurz versuche ich zu erklären. Zwecklos, er hört nicht zu, hebt drohend den Arm. Für weitere Debatten ist mir der Mann eindeutig zu aggressiv. [Weiterlesen…]

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Danke, Umberto Eco

von Heike Rost am 20. Februar 2016

in Betrachtung

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Seine Gedankenwelt hat mich fasziniert, diese funkensprühende Bandbreite, gepaart mit Augenzwinkern, Menschlichkeit und warmherziger Klugheit; seine Romane mag ich nicht immer und ausnahmslos. Bei manchen seiner Bücher kam ich über 50, 100 Seiten nicht hinaus, bevor ich sie entnervt beiseite gelegt habe. Dennoch sind Umberto Ecos Werke für mich Kontrastprogramm und Gegensatz zu manchem anderen Denker, der mit sezierendem Intellekt die Welt betrachtet. Ein Betrachtungsabstand zu den Dingen, wie zu einem großformatigen Bild, muss nicht immer mit Coolness und innerer Distanz verbunden sein. Ecos Freude an Sprache, den Bildern im Kopf und am Erzählerischen sind wunderbarer Beleg, wie poetisch, subversiv und überaus lebendig Literatur Menschen fesseln, inspirieren und zur Beschäftigung mit ungewöhnlichen Themen verführen kann.

Weit mehr als seine Romane schätze ich Umberto Ecos Bücher zu Semiotik und Bildwelten: Vor allem »Die Geschichte der Schönheit« sollte ebenso wie ihr Pendant »Die Geschichte der Hässlichkeit« zur Standardlektüre jener Photographen gehören, die sich mit Menschen beschäftigen. Gerade weil Selbst- und Fremdbilder, die merkwürdige Idealisierung von Körper und Jugend so viele Menschen beeinflussen, sie verunsichern, ihnen Komplexe bescheren und mehr. Dabei sind gerade die Definitionen von Schönheit oder Hässlichkeit nie allgemein gültig, sind lebendig und – glücklicherweise! – ebenso eine sehr persönliche Angelegenheit des Betrachters wie stetem Wandel unterworfen, ob in kulturellem Kontext oder mit Blick auf historische oder gesellschaftliche Entwicklungen.

Ein kerniges Zitat von Eco begleitet mich seit langem in einem meiner Notizbücher. Weil es so wahrhaftig ist in seiner Direktheit: »Wenn man sich in seinem Leben mit Dingen beschäftigt, ändert sich ständig alles. Und wenn sich nichts ändert, bist du ein Idiot.« In all seiner intellektuellen Vielfalt, in seinem bisweilen ziemlich subversiven Witz, vielen Interessen, vor allem aber in seiner Fülle an Ideen und Gedanken erinnert mich Umberto Eco an einen anderen Meister der Vielfalt. An Gyula Halász, der unter dem Pseudonym Brassaï vor allem als Fotograf Berühmtheit erlangte – und mit ähnlicher Haltung wie Umberto Eco lebte und arbeitete.

Mit augenzwinkernder Heiterkeit bei gleichzeitig tiefgründiger Betrachtung, mit zärtlich-poetischem und dennoch kritischen Blick auf seine Umwelt, das Leben und dessen kleine und große Dinge. Und mit einer wahrhaft furiosen Bandbreite der Kreativität jenseits der Fotografie, die nur einen Teil seiner künstlerischen Arbeit ausmachte. Brassaï schrieb über sich: »Ich habe mich immer geweigert, mich zu spezialisieren. Ich habe immer viele Dinge gemacht: Fotos, Zeichnungen, Skulpturen, Filme, Bücher… Letztlich ist es eben so schwer, viele Talente zu besitzen, denn jedes einzelne belegt einen mit Beschlag… Man kann sich nur abwechselnd mit ihnen beschäftigen, man muss dabei seinem Instinkt folgen… Ich habe keine Angst, mich dabei zu verzetteln… Ich möchte frei sein.«

Umberto Eco *15. Januar 1932, ✝16. Februar 2016

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La Cucaracha, kretische Art

von Heike Rost am 20. Januar 2016

in Begegnung

Ausflüge in die Marktstraße von Iraklion auf Kreta sind immer wieder ein empfehlenswertes Erlebnis. Vielleicht weniger für zart besaitete Zeitgenossen, eher für Neugierige, Fotografen und Entdeckungslustige. Denn zwischen liebevoll dekorierten Schweinsköpfen, drumherum drapierten Ringelschwänzchen, Hufen und Schweineohren hängen fachmännisch gehäutete Kaninchen. Sicherheitshalber verbleiben Fellohren und Puschelschwanz an den frisch geschlachteten Tieren, das ist ein rustikales Signal derjenigen Metzger, die auf sich halten und damit klar machen: bei der angebotenen Ware handelt es sich nicht etwa um Katzen oder Hunde, die »nackt« für den Laien nicht mehr von Kaninchen zu unterscheiden sind. Das behauptete jedenfalls Kostas, der kleine dürren Schlachter um die Ecke – und legte sorgfältig ein paar frische Ringelschwänze um den Schweinekopf. Dezentes Räuspern hinter mir: Mein Reisebegleiter war nicht annähernd so amüsiert oder interessiert wie ich, journalistische Neugier hin oder her.

Von Freunden mieteten wir damals ein kleines Häuschen in der Altstadt von Iraklion. Jenseits aller Touristenströme, umgeben von kretischen Nachbarn, verbrachten wir viele Urlaubstage in der trubeligen Gegend. Vertrieben uns die Zeit mit deutsch-griechischen Palavern, ergänzt durch Hände und Füße: mit den kretischen Nachbarn, über das Wetter, die Politik, Pasok, Papandreou und Mimi, dessen seinerzeitiges frisch angetrautes Busenwunder. Damals lernten wir auch Kostas und seine bessere Hälfte Dimitra kennen, die ihren Mann nicht nur um mindestens zwei Haupteslängen überragte, sondern auch ungefähr viermal so stattlich war wie Kostas. Damals, als wir eigentlich nur ein paar Lammkoteletts zum Abendessen kaufen wollten. Ein wenig Abenteuerurlaub – zumindest für den Stadtmenschen in meiner Begleitung – war auch das. Dimitra öffnete den Kühlraum, verschwand in dessen dunklen Tiefen und kehrte mit einem halben Tier zurück. Hob es am Schwanz in die Höhe und stutzte: Kein Lamm, eine Ziege, daneben gegriffen. Zurück in den Kühlraum, nächster Versuch. Mit Schwung warf sie das halbe Lamm auf den Hackklotz. Meterdickes bestes Olivenholz, seit Dekaden in Gebrauch, zerfurcht von den Kerben des Metzgerbeils, mit dem Dimitra nun begann, blitzgeschwind und treffsicher das Lamm zu zerlegen. [Weiterlesen…]

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Paris – Istanbul

von Heike Rost am 13. Januar 2016 · 1 Kommentar

in Betrachtung

today »Warum hast Du Dein Profilbild eingefärbt, wo doch anderswo ebenso schlimme Anschläge geschehen sind? Sind sie Dir weniger wichtig, die Toten Dir weniger wert?« Fragen, die mir nach den Anschlägen von Paris im November mehrfach gestellt wurden. Jetzt, nach dem Anschlag in Istanbul, ebenso – überwiegend von muslimischen Kollegen und Freunden.

Damals wie heute ist meine erste Antwort dieselbe: Leben lässt sich nicht gegen Leben aufwiegen, Tod nicht gegen Tod. Meine zweite Antwort ist ein Bild, keine Flagge. In die Silhouette einer Moschee habe ich die Worte »One World« eingefügt. Weil ich nicht mit einem #pray und auch nur dem Ansatz von Religion antworten mag angesichts von Taten und Täter, die sich auf eine Religion berufen und morden. Und habe lange überlegt, ob ich dieses Bild überhaupt veröffentliche. Die gestellten Fragen waren Grund dafür, es doch zu tun.

Meine dritte Antwort ist eine sehr persönliche: Die Trikolore, mit der ich nach den Anschlägen von Paris kurzfristig mein Profilbild eingefärbt habe, symbolisiert für mich nicht La Grande Nation, über die man sich sicherlich trefflich streiten kann. Ihre Farben stehen für die Werte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Im Sinne von »One World«, weil sie überall auf dieser Welt gelten (sollten). Und der Stadt Paris bin ich seit langen Jahren eng verbunden; weil ich dort längere Zeit verbracht habe und verbringe, Menschen aus vielen Kulturen getroffen habe, die Kollegen und Freunde für mich wurden und sind.

Die Begegnung mit ihnen hat mich geprägt und tut es noch, ob als Mensch, Journalistin oder Photographin. Die Orte der Anschläge – ob Charlie Hebdo, die Rue des Rosiers, das Bataclan oder die umliegenden Restaurants – kenne ich, seit ich als Teenager das erste Mal in Paris war. Zu dieser Verbundenheit mit Paris und den Menschen dort gehören viele nächtelange Gespräche. Nicht immer, ohne über gegensätzliche Meinung, Lebensstil, Weltanschauung leidenschaftlich zu streiten. Aber immer in gegenseitigem Respekt. Die ein oder andere Freundschaft erwies sich erst nach heftigem Streit als tiefe Verbundenheit.

Das macht für mich die Anschläge von Paris in einer anderen Art schmerzhaft und entsetzlich. Was nicht heißt, dass ich Istanbul, Beirut oder anderswo begangene Anschläge in irgendeiner Weise »weniger schlimm« finde oder sie mich nicht interessieren. Was wäre das für eine merkwürdige Sicht der Dinge angesichts einer Welt, die immer kleiner, täglich ein wenig zerbrechlicher und beängstigender zu werden scheint?

Vielleicht können Menschen erst dann das wahre Ausmaß von Krieg, Katastrophen und mörderischer Gewalt erkennen, wenn die Abstraktion von Opferzahlen ein menschliches Gesicht bekommt: Die Leichenberge nach der Befreiung von Auschwitz, die Massengräber im ehemaligen Jugoslawien, die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer – drei Beispiele der neueren Geschichte. Ich hab dazu Bilder im Kopf, im Sinne dieses »menschlichen Gesichts«. Margaret Bourke-Whites Bilder der befreiten Häftlinge von Buchenwald, hinter Stacheldraht, mit Haut überspannte, lebende Skelett.
Ein Foto von Peter Turnley – von einem weinenden Flüchtling aus Kosovo-Albanien, der Bilder seiner Angehörigen in der Hand hält. (Auch hier Bilder ausgemergelter Menschen hinter Stacheldraht.) Und das furchtbare Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi.

One world. So wie ich es auf die Silhouette der Sultan-Ahmed-Moschee schrieb, die in diesem Bildausschnitt kaum von der Hagia Sophia zu unterscheiden ist, wenn man die Gebäude nicht kennt oder genauer betrachtet. Beide Moscheen sind für mich Symbole: Die Hagia Sophia und ihre wechselvolle Geschichte zwischen Christentum und Islam; wenn überhaupt Religion, sehe ich diese Moschee als geistige Brücke und Verbindung zwischen zwei Welten – aufgrund ihrer Geschichte ebenso wie aufgrund ihrer Nachbarschaft seit Jahrhunderten.

P.S. Wie immer haben persönliche Perspektiven einen Haken: Sie sind nicht verallgemeinerbar.

Im Text erwähnte Orte und Bilder:
Die »Nachbarn« Hagia Sofia und Sultan-Ahmed-Moschee
Die Sultan-Ahmed-Moschee und ihre Geschichte
Die Hagia Sophia und ihre Geschichte
Peter Turnleys »Moments of the Human Condition«
Das Bild des weinenden Mannes
Margaret Bourke-Whites Bilder der Befreiung von Buchenwald
Alan Kurdi, das ertrunkene Flüchtlingskind

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New Year’s Thought

von Heike Rost am 2. Januar 2016

in Betrachtung

winterSince years I use to spend the first day of a new year in silence and meditation: in order to sort my thoughts for the upcoming year with all its challenges, emotions and inspirations. The image above came to my mind – and Neil Gaiman’s beautiful »New Year’s Wishes«:

»Be kind to yourself in the year ahead.
Remember to forgive yourself, and to forgive others. It’s too easy to be outraged these days, so much harder to change things, to reach out, to understand.
Try to make your time matter: minutes and hours and days and weeks can blow away like dead leaves, with nothing to show but time you spent not quite ever doing things, or time you spent waiting to begin.
(…)
Hug too much. Smile too much. And, when you can, love.«

No resolutions for 2016, though – but another famous quote to answer Neil Gaiman’s quote above:

»…And yes I said yes I will YES.«*

Photo: ©HeikeRost.com – All rights reserved.

*from James Joyce’s »Ulysses«

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Notizen von unterwegs: Weihnachtszeit

von Heike Rost am 4. Dezember 2015

in Betrachtung

Räuchermännchen ©HeikeRost.com 2015 - Alle Rechte vorbehalten.Keine Adventszeit ohne diesen Herrn hier, der aus dem Nachlass meiner Großmutter und schätzungsweise den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Schon damals haben ihn die Kinder der Familie geliebt und mit glänzenden Augen bestaunt, wenn er endlich ausgepackt wurde aus seinem Versteck: Pünktlich zum ersten Dezembertag kam ein kleiner, abgegriffener Karton zum Vorschein, der das ganze Jahr über in einer dunklen Ecke des großen Wohnzimmerschranks – der mit dem »guten« Geschirr und den »guten« Gläsern – verstaut schlummerte. In knisterndes, raschelndes Seidenpapier eingehüllt, lag darin der Jäger aus dem Erzgebirge.

Und was hat das Kerlchen nicht alles gesehen von der Welt! Spannende Geschichten wären das, könnte das Männchen in Grün sprechen: Berlin im Zweiten Weltkrieg, mit Bomben und Luftschutzkellern. Evakuierung nach Keller in Brandenburg, Einmarsch der Alliierten, Nachkriegszeit zwischen Hunger, Luftbrücke und Trümmern. Er stand immer auf dem Weihnachtstisch, manchmal als einziger Schmuck; dann, wenn es keine Kerzen und keinen Weihnachtsbaum gab in den Kriegsjahren und danach. Die 50er mit Nierentisch und Tütenlampe, mit Cocktailsesseln und Petticoats. Die 68er hat das Räuchermännchen unbeschadet und unbeanstandet überstanden, selbst in der wildesten Flowerpower-Hippie-Hair-Zeit gab es keine Adventszeit ohne ihn. Mehrere Umzüge hat er mitgemacht, das neugierige Kleinkind Heike überlebt (das alles auseinander zu schrauben pflegte – bis auf diesen Herrn im Försterlook). Zwischendrin hat er seine Pfeife verloren und eine tagelange Suche danach ausgelöst. Mit glücklichem Ausgang, sie fand sich in einer Ritze des Schranks wieder. Ebenso wie das Vögelchen auf der Schulter des grünen Jägerrocks, das irgendwann verschwunden war.

Der Karton ist immer noch derselbe, die raschelnde Seidenpapierumhüllung auch. Und heute wie damals wird der kleine hölzerne Jäger pünktlich zum ersten Dezembertag ausgepackt, um bis zum 6. Januar seine Pfeife zu schmauchen. Die Räucherkegelchen sind übrigens auch immer noch dieselben; auf dem Weihnachtsmarkt erstanden, früher für 99 Pfennige, heute für 99 Cent. In kleine Pappschachteln in unterschiedlichen Farben verpackt. Sie lassen den Duft schon ahnen und klappern so schön, wenn man sie sanft schüttelt. Weihnachten, das ist für mich Duft: Nach frischgebackenen Keksen, Mandarinen, Tannenzweigen – und das Räuchermännchen meiner Großmutter gehört als Kindheitserinnerung dazu.

©HeikeRost.com 4.12.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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