Begegnungen – in Farben und Licht

von Heike Rost am 4. Oktober 2016 · 0 Kommentare

in Begegnung

Bild 01Jetzt hängen sie wieder, in neuen Rahmen, mit feinen Passepartouts: Zwei meiner Lieblingsbilder, die ich vor langer Zeit gekauft habe. Sie begleiten mich seit Jahren, sind mit mir umgezogen, waren auf Wanderschaft vom Büro in den Konferenzraum und von dort weiter in die Wohnung. Zwischendrin haben sie – sorgfältig verpackt in säurefesten Kartonmappen – eine Weile im Verborgenen gelegen. Sie sind eine Erinnerung an berührende Begegnungen, mit Paul und seiner Frau Hanna. Als junger Mann im Zweiten Weltkrieg überlebte er nur um Haaresbreite eine schwere Kopfverletzung und hatte das unfassbare Glück, keine bleibenden Schäden davonzutragen. Es hat ihn aufmerksam gemacht auf die Leiden anderer, denen er gemeinsam mit Hanna zu helfen beschloss. Als Seelsorger, aber auch als Leiter eines Wohnheims für behinderte Menschen im Süden Deutschlands.

Mit Künstlern aus aller Welt verband ihn eine intensive, bereichernde Freundschaft: In seiner Wohnung hingen überall ihre Werke, Größen der Kunst wie Jackson Pollock, Joseph Beuys und viele mehr waren ihm Inspiration, Denkanstoß … und brachten ihn dazu, mit den Bewohnern der Diakonie Wehröfflingen ein besonderes Experiment zu wagen. Begegnungen mit Künstlern und ihren Bildern, die den Menschen in der Diakonie einen anderen, überraschenden Blickwinkel eröffneten. Sie ermutigten, selbst mit Pinsel, Farben und Leinwand ihren inneren Welten Ausdruck zu verleihen. In zahlreichen Ausstellungen wurden Kunstwerke gezeigt; meist ohne Zuordnung, in selbstverständlicher Mischung, die für die Besucher Überraschung war – und sein sollte: Denn die Welt der Farben und des Lichts macht keinen Unterschied zwischen den Menschen, sondern eröffnet einen spannenden Einblick in Kreativität und Schaffenskraft höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Bild 02Die beiden Bilder, die bei mir an der Wand hängen, sind ein Gemisch aus diffusen Farbschichten. An manchen Stellen ist das Papier fast einen Zentimeter dick mit bunter Struktur bedeckt. Gleich groß, in derselben Technik, dennoch unterschiedlich: Eins der Werke beginnt zu leuchten, wenn die Sonne darüber streift – wie ein Frühlingsmorgenhimmel scheint die Farbe selbst zu Licht zu werden. Das andere, in grünen, blauen und gelben Farbtönen, macht manche Betrachter für einen Moment sprachlos: »Es erinnert mich an etwas. Aber woran?« ist ein Satz, der vor dem Rahmen schon öfter gefallen ist. Manchmal habe ich dieser Erinnerung auf die Sprünge geholfen: Die beiden kleinformatigen Gemälde sind entstanden, nachdem die Künstlerin Monets Seerosenbilder im Pariser Jeu de Paume sah. Später stand sie staunend atemlos in einer Galerie. Und verliebte sich Hals über Kopf – in die bunten Farbfeuerwerke von Jackson Pollock.

»Das ist so wahr«, sagte sie damals, als wir uns begegneten. »So Licht und Leben, so Farbe und Freude.« Sie öffnete eine prall gefüllte Mappe ihrer anmutigen, farbintensiven Bilder für mich. Mit einem sicheren Gespür legte sie dann diese beiden Gemälde vor mich auf den Tisch. »Das sind Deine Lieblingsbilder, stimmt’s?« und lächelte mich verschmitzt an. Unser Gespräch über Licht, über Farben und Kunst war intensiv und wunderschön. Danach kaufte ich ihr beide Blätter ab. Zum Abschied wünschte mir Anna, dass mich das Licht begleiten möge, vielleicht manchmal auch in dunkleren Momenten. Ihre Bilder sind seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten bei mir. Sie erinnern mich an Anna, einen besonderen Menschen, dem aufgrund ihres Down-Syndroms niemand diese außergewöhnliche Gabe zutraute. Und an Paul und Hanna, seine Frau mit den unglaublich blauen, strahlenden Augen. Gemeinsam haben die beiden nicht nur Anna einen so intensiven Zugang zu Kunst und Wahrnehmung eröffnet.

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A thought on patience

von Heike Rost am 3. März 2016 · 0 Kommentare

in Betrachtung

web_20150505MehrMeer-5194 »Patience is not sitting and waiting, it is foreseeing. It is looking at the thorn and seeing the rose, looking at the night and seeing the day. Lovers are patient and know that the moon needs time to become full.«  ~ Shams Tabrizi (1185–1248)

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Die leeren Dörfer Brandenburgs

von Heike Rost am 22. Februar 2016 · 0 Kommentare

in Beobachtung

Oktober 2015, unterwegs von Leipzig nach Berlin. Die Autobahn ist nach einem schweren Unfall gesperrt, deswegen bin ich hinter Niemegk abgebogen auf die Landstraße. Herbst in Brandenburg, das Wetter passt – unter einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel glüht das Laub der Bäume in allen Schattierungen von Feuer. Die Farben der Landschaft und Orte wirken wie aus einer anderen Welt, erinnern an die Beschreibungen Theodor Fontanes. Kopfsteinpflaster aus grobem Blaubasalt, »Katzenköpfe«, macht die Fahrt zu einer reifenrumpelnden Angelegenheit. Entlang der Strecke lassen die Dörfer und Städtchen Kindheitserinnerungen wach werden: Lattenzäune »mit Zwischenraum hindurchzuschaun«, so hätte Morgenstern sie beschrieben. Mal frisch gestrichen, mal windschief und verwittert, manchmal zerbrochen und umgestürzt.

Hinter ihnen breiten sich Bauerngärten neben, vor und hinter den Häusern. Teils verwildert, teils gepflegt, leuchtend vor späten Blumen. Jungfer im Grünen, ein paar Margeriten, zarte Cosmea-Blüten zwischen den Zaunlatten wippen leise im Wind. Bunte Zinnien, Dahlien, leuchtende Ringelblumen, späte Rosen. Und viele Obstbäume, deren Äste sich fruchtschwer der Erde entgegensenken. Äpfel, Birnen hängen als farbenfrohe Tupfer hoch oben, liegen als Fallobst im tiefen Gras und am Straßenrand. Nur noch wenige Häuser in diesen Dörfern sind bewohnt. Einige sind sorgfältig wieder hergerichtet, einige verfallen still vor sich hin. Viele der kleineren Gebäude stehen leer. Ihre blinden, staubigen Fenstern verraten: Das ist schon eine ganze Weile so. Mit heruntergelassenen Rolläden reihen die kleinen Häuser aus friderizianischer Zeit entlang der Dorfstraßen. Ab und an knarrt ein Fensterladen im Wind, als ob er seine Flügel vorsichtig erprobt, um der Leere dort zu entfliehen.

IMG_3186 Eigentlich wollte ich ein wenig durch eins dieser Dörfer schlendern, auf der Suche nach meinen Kindheitserinnerungen anderen Orts. Wollte Bilder machen, von der Kopfsteinstraße mit ihren verfallenden Häusern und verwilderten Gärten, Tonaufnahmen der Stille machen, die nur selten von Reifengerumpel auf dem Blaubasalt und ein paar Vogelstimmen gestört wird. Kaum bin ich aus dem Auto ausgestiegen, bewegt sich in einem Häusern mit den verkrusteten Fenstern sachte ein Vorhang. Ich habe niemanden gesehen, keine Hand, die den Vorhang zur Seite gezogen hat. Vielleicht war es nur ein Windstoß. Wenig später, als ich um die Ecke bog, wird mir klar: Das war kein Luftzug. Wie aus dem Boden gewachsen, steht ein Hüne vor mir, pflanzt sich breitbeinig vor mir auf , fuchtelt mit beiden Händen und brüllt mich an: »Was willst Du hier? Scheiß-Immobilien-Hai, elendes Dreckspack, verpiss Dich, sonst gibts auf die Fresse!« Nur kurz versuche ich zu erklären. Zwecklos, er hört nicht zu, hebt drohend den Arm. Für weitere Debatten ist mir der Mann eindeutig zu aggressiv. [Weiterlesen…]

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Danke, Umberto Eco

von Heike Rost am 20. Februar 2016 · 0 Kommentare

in Betrachtung

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Seine Gedankenwelt hat mich fasziniert, diese funkensprühende Bandbreite, gepaart mit Augenzwinkern, Menschlichkeit und warmherziger Klugheit; seine Romane mag ich nicht immer und ausnahmslos. Bei manchen seiner Bücher kam ich über 50, 100 Seiten nicht hinaus, bevor ich sie entnervt beiseite gelegt habe. Dennoch sind Umberto Ecos Werke für mich Kontrastprogramm und Gegensatz zu manchem anderen Denker, der mit sezierendem Intellekt die Welt betrachtet. Ein Betrachtungsabstand zu den Dingen, wie zu einem großformatigen Bild, muss nicht immer mit Coolness und innerer Distanz verbunden sein. Ecos Freude an Sprache, den Bildern im Kopf und am Erzählerischen sind wunderbarer Beleg, wie poetisch, subversiv und überaus lebendig Literatur Menschen fesseln, inspirieren und zur Beschäftigung mit ungewöhnlichen Themen verführen kann.

Weit mehr als seine Romane schätze ich Umberto Ecos Bücher zu Semiotik und Bildwelten: Vor allem »Die Geschichte der Schönheit« sollte ebenso wie ihr Pendant »Die Geschichte der Hässlichkeit« zur Standardlektüre jener Photographen gehören, die sich mit Menschen beschäftigen. Gerade weil Selbst- und Fremdbilder, die merkwürdige Idealisierung von Körper und Jugend so viele Menschen beeinflussen, sie verunsichern, ihnen Komplexe bescheren und mehr. Dabei sind gerade die Definitionen von Schönheit oder Hässlichkeit nie allgemein gültig, sind lebendig und – glücklicherweise! – ebenso eine sehr persönliche Angelegenheit des Betrachters wie stetem Wandel unterworfen, ob in kulturellem Kontext oder mit Blick auf historische oder gesellschaftliche Entwicklungen.

Ein kerniges Zitat von Eco begleitet mich seit langem in einem meiner Notizbücher. Weil es so wahrhaftig ist in seiner Direktheit: »Wenn man sich in seinem Leben mit Dingen beschäftigt, ändert sich ständig alles. Und wenn sich nichts ändert, bist du ein Idiot.« In all seiner intellektuellen Vielfalt, in seinem bisweilen ziemlich subversiven Witz, vielen Interessen, vor allem aber in seiner Fülle an Ideen und Gedanken erinnert mich Umberto Eco an einen anderen Meister der Vielfalt. An Gyula Halász, der unter dem Pseudonym Brassaï vor allem als Fotograf Berühmtheit erlangte – und mit ähnlicher Haltung wie Umberto Eco lebte und arbeitete.

Mit augenzwinkernder Heiterkeit bei gleichzeitig tiefgründiger Betrachtung, mit zärtlich-poetischem und dennoch kritischen Blick auf seine Umwelt, das Leben und dessen kleine und große Dinge. Und mit einer wahrhaft furiosen Bandbreite der Kreativität jenseits der Fotografie, die nur einen Teil seiner künstlerischen Arbeit ausmachte. Brassaï schrieb über sich: »Ich habe mich immer geweigert, mich zu spezialisieren. Ich habe immer viele Dinge gemacht: Fotos, Zeichnungen, Skulpturen, Filme, Bücher… Letztlich ist es eben so schwer, viele Talente zu besitzen, denn jedes einzelne belegt einen mit Beschlag… Man kann sich nur abwechselnd mit ihnen beschäftigen, man muss dabei seinem Instinkt folgen… Ich habe keine Angst, mich dabei zu verzetteln… Ich möchte frei sein.«

Umberto Eco *15. Januar 1932, ✝16. Februar 2016

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La Cucaracha, kretische Art

von Heike Rost am 20. Januar 2016 · 0 Kommentare

in Begegnung

Ausflüge in die Marktstraße von Iraklion auf Kreta sind immer wieder ein empfehlenswertes Erlebnis. Vielleicht weniger für zart besaitete Zeitgenossen, eher für Neugierige, Fotografen und Entdeckungslustige. Denn zwischen liebevoll dekorierten Schweinsköpfen, drumherum drapierten Ringelschwänzchen, Hufen und Schweineohren hängen fachmännisch gehäutete Kaninchen. Sicherheitshalber verbleiben Fellohren und Puschelschwanz an den frisch geschlachteten Tieren, das ist ein rustikales Signal derjenigen Metzger, die auf sich halten und damit klar machen: bei der angebotenen Ware handelt es sich nicht etwa um Katzen oder Hunde, die »nackt« für den Laien nicht mehr von Kaninchen zu unterscheiden sind. Das behauptete jedenfalls Kostas, der kleine dürren Schlachter um die Ecke – und legte sorgfältig ein paar frische Ringelschwänze um den Schweinekopf. Dezentes Räuspern hinter mir: Mein Reisebegleiter war nicht annähernd so amüsiert oder interessiert wie ich, journalistische Neugier hin oder her.

Von Freunden mieteten wir damals ein kleines Häuschen in der Altstadt von Iraklion. Jenseits aller Touristenströme, umgeben von kretischen Nachbarn, verbrachten wir viele Urlaubstage in der trubeligen Gegend. Vertrieben uns die Zeit mit deutsch-griechischen Palavern, ergänzt durch Hände und Füße: mit den kretischen Nachbarn, über das Wetter, die Politik, Pasok, Papandreou und Mimi, dessen seinerzeitiges frisch angetrautes Busenwunder. Damals lernten wir auch Kostas und seine bessere Hälfte Dimitra kennen, die ihren Mann nicht nur um mindestens zwei Haupteslängen überragte, sondern auch ungefähr viermal so stattlich war wie Kostas. Damals, als wir eigentlich nur ein paar Lammkoteletts zum Abendessen kaufen wollten. Ein wenig Abenteuerurlaub – zumindest für den Stadtmenschen in meiner Begleitung – war auch das. Dimitra öffnete den Kühlraum, verschwand in dessen dunklen Tiefen und kehrte mit einem halben Tier zurück. Hob es am Schwanz in die Höhe und stutzte: Kein Lamm, eine Ziege, daneben gegriffen. Zurück in den Kühlraum, nächster Versuch. Mit Schwung warf sie das halbe Lamm auf den Hackklotz. Meterdickes bestes Olivenholz, seit Dekaden in Gebrauch, zerfurcht von den Kerben des Metzgerbeils, mit dem Dimitra nun begann, blitzgeschwind und treffsicher das Lamm zu zerlegen. [Weiterlesen…]

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Paris – Istanbul

von Heike Rost am 13. Januar 2016 · 1 Kommentar

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today »Warum hast Du Dein Profilbild eingefärbt, wo doch anderswo ebenso schlimme Anschläge geschehen sind? Sind sie Dir weniger wichtig, die Toten Dir weniger wert?« Fragen, die mir nach den Anschlägen von Paris im November mehrfach gestellt wurden. Jetzt, nach dem Anschlag in Istanbul, ebenso – überwiegend von muslimischen Kollegen und Freunden.

Damals wie heute ist meine erste Antwort dieselbe: Leben lässt sich nicht gegen Leben aufwiegen, Tod nicht gegen Tod. Meine zweite Antwort ist ein Bild, keine Flagge. In die Silhouette einer Moschee habe ich die Worte »One World« eingefügt. Weil ich nicht mit einem #pray und auch nur dem Ansatz von Religion antworten mag angesichts von Taten und Täter, die sich auf eine Religion berufen und morden. Und habe lange überlegt, ob ich dieses Bild überhaupt veröffentliche. Die gestellten Fragen waren Grund dafür, es doch zu tun.

Meine dritte Antwort ist eine sehr persönliche: Die Trikolore, mit der ich nach den Anschlägen von Paris kurzfristig mein Profilbild eingefärbt habe, symbolisiert für mich nicht La Grande Nation, über die man sich sicherlich trefflich streiten kann. Ihre Farben stehen für die Werte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Im Sinne von »One World«, weil sie überall auf dieser Welt gelten (sollten). Und der Stadt Paris bin ich seit langen Jahren eng verbunden; weil ich dort längere Zeit verbracht habe und verbringe, Menschen aus vielen Kulturen getroffen habe, die Kollegen und Freunde für mich wurden und sind.

Die Begegnung mit ihnen hat mich geprägt und tut es noch, ob als Mensch, Journalistin oder Photographin. Die Orte der Anschläge – ob Charlie Hebdo, die Rue des Rosiers, das Bataclan oder die umliegenden Restaurants – kenne ich, seit ich als Teenager das erste Mal in Paris war. Zu dieser Verbundenheit mit Paris und den Menschen dort gehören viele nächtelange Gespräche. Nicht immer, ohne über gegensätzliche Meinung, Lebensstil, Weltanschauung leidenschaftlich zu streiten. Aber immer in gegenseitigem Respekt. Die ein oder andere Freundschaft erwies sich erst nach heftigem Streit als tiefe Verbundenheit.

Das macht für mich die Anschläge von Paris in einer anderen Art schmerzhaft und entsetzlich. Was nicht heißt, dass ich Istanbul, Beirut oder anderswo begangene Anschläge in irgendeiner Weise »weniger schlimm« finde oder sie mich nicht interessieren. Was wäre das für eine merkwürdige Sicht der Dinge angesichts einer Welt, die immer kleiner, täglich ein wenig zerbrechlicher und beängstigender zu werden scheint?

Vielleicht können Menschen erst dann das wahre Ausmaß von Krieg, Katastrophen und mörderischer Gewalt erkennen, wenn die Abstraktion von Opferzahlen ein menschliches Gesicht bekommt: Die Leichenberge nach der Befreiung von Auschwitz, die Massengräber im ehemaligen Jugoslawien, die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer – drei Beispiele der neueren Geschichte. Ich hab dazu Bilder im Kopf, im Sinne dieses »menschlichen Gesichts«. Margaret Bourke-Whites Bilder der befreiten Häftlinge von Buchenwald, hinter Stacheldraht, mit Haut überspannte, lebende Skelett.
Ein Foto von Peter Turnley – von einem weinenden Flüchtling aus Kosovo-Albanien, der Bilder seiner Angehörigen in der Hand hält. (Auch hier Bilder ausgemergelter Menschen hinter Stacheldraht.) Und das furchtbare Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi.

One world. So wie ich es auf die Silhouette der Sultan-Ahmed-Moschee schrieb, die in diesem Bildausschnitt kaum von der Hagia Sophia zu unterscheiden ist, wenn man die Gebäude nicht kennt oder genauer betrachtet. Beide Moscheen sind für mich Symbole: Die Hagia Sophia und ihre wechselvolle Geschichte zwischen Christentum und Islam; wenn überhaupt Religion, sehe ich diese Moschee als geistige Brücke und Verbindung zwischen zwei Welten – aufgrund ihrer Geschichte ebenso wie aufgrund ihrer Nachbarschaft seit Jahrhunderten.

P.S. Wie immer haben persönliche Perspektiven einen Haken: Sie sind nicht verallgemeinerbar.

Im Text erwähnte Orte und Bilder:
Die »Nachbarn« Hagia Sofia und Sultan-Ahmed-Moschee
Die Sultan-Ahmed-Moschee und ihre Geschichte
Die Hagia Sophia und ihre Geschichte
Peter Turnleys »Moments of the Human Condition«
Das Bild des weinenden Mannes
Margaret Bourke-Whites Bilder der Befreiung von Buchenwald
Alan Kurdi, das ertrunkene Flüchtlingskind

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New Year’s Thought

von Heike Rost am 2. Januar 2016 · 0 Kommentare

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winterSince years I use to spend the first day of a new year in silence and meditation: in order to sort my thoughts for the upcoming year with all its challenges, emotions and inspirations. The image above came to my mind – and Neil Gaiman’s beautiful »New Year’s Wishes«:

»Be kind to yourself in the year ahead.
Remember to forgive yourself, and to forgive others. It’s too easy to be outraged these days, so much harder to change things, to reach out, to understand.
Try to make your time matter: minutes and hours and days and weeks can blow away like dead leaves, with nothing to show but time you spent not quite ever doing things, or time you spent waiting to begin.
(…)
Hug too much. Smile too much. And, when you can, love.«

No resolutions for 2016, though – but another famous quote to answer Neil Gaiman’s quote above:

»…And yes I said yes I will YES.«*

Photo: ©HeikeRost.com – All rights reserved.

*from James Joyce’s »Ulysses«

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Notizen von unterwegs: Weihnachtszeit

von Heike Rost am 4. Dezember 2015 · 0 Kommentare

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Räuchermännchen ©HeikeRost.com 2015 - Alle Rechte vorbehalten.Keine Adventszeit ohne diesen Herrn hier, der aus dem Nachlass meiner Großmutter und schätzungsweise den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Schon damals haben ihn die Kinder der Familie geliebt und mit glänzenden Augen bestaunt, wenn er endlich ausgepackt wurde aus seinem Versteck: Pünktlich zum ersten Dezembertag kam ein kleiner, abgegriffener Karton zum Vorschein, der das ganze Jahr über in einer dunklen Ecke des großen Wohnzimmerschranks – der mit dem »guten« Geschirr und den »guten« Gläsern – verstaut schlummerte. In knisterndes, raschelndes Seidenpapier eingehüllt, lag darin der Jäger aus dem Erzgebirge.

Und was hat das Kerlchen nicht alles gesehen von der Welt! Spannende Geschichten wären das, könnte das Männchen in Grün sprechen: Berlin im Zweiten Weltkrieg, mit Bomben und Luftschutzkellern. Evakuierung nach Keller in Brandenburg, Einmarsch der Alliierten, Nachkriegszeit zwischen Hunger, Luftbrücke und Trümmern. Er stand immer auf dem Weihnachtstisch, manchmal als einziger Schmuck; dann, wenn es keine Kerzen und keinen Weihnachtsbaum gab in den Kriegsjahren und danach. Die 50er mit Nierentisch und Tütenlampe, mit Cocktailsesseln und Petticoats. Die 68er hat das Räuchermännchen unbeschadet und unbeanstandet überstanden, selbst in der wildesten Flowerpower-Hippie-Hair-Zeit gab es keine Adventszeit ohne ihn. Mehrere Umzüge hat er mitgemacht, das neugierige Kleinkind Heike überlebt (das alles auseinander zu schrauben pflegte – bis auf diesen Herrn im Försterlook). Zwischendrin hat er seine Pfeife verloren und eine tagelange Suche danach ausgelöst. Mit glücklichem Ausgang, sie fand sich in einer Ritze des Schranks wieder. Ebenso wie das Vögelchen auf der Schulter des grünen Jägerrocks, das irgendwann verschwunden war.

Der Karton ist immer noch derselbe, die raschelnde Seidenpapierumhüllung auch. Und heute wie damals wird der kleine hölzerne Jäger pünktlich zum ersten Dezembertag ausgepackt, um bis zum 6. Januar seine Pfeife zu schmauchen. Die Räucherkegelchen sind übrigens auch immer noch dieselben; auf dem Weihnachtsmarkt erstanden, früher für 99 Pfennige, heute für 99 Cent. In kleine Pappschachteln in unterschiedlichen Farben verpackt. Sie lassen den Duft schon ahnen und klappern so schön, wenn man sie sanft schüttelt. Weihnachten, das ist für mich Duft: Nach frischgebackenen Keksen, Mandarinen, Tannenzweigen – und das Räuchermännchen meiner Großmutter gehört als Kindheitserinnerung dazu.

©HeikeRost.com 4.12.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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Notizen von unterwegs: Hoffnung

von Heike Rost am 26. November 2015 · 0 Kommentare

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Oft bewege ich mich als Photographin auf schwierigem Terrain: In Gefängnissen oder Sterbehospizen, unterwegs mit blinden oder gehörlosen Menschen, mit psychisch Kranken. Es sind leise Geschichten, die ich mit meinen Bildern und Texten erzähle. Manchmal fallen sie mir buchstäblich vor die Füße, diese Reportagen, sie begegnen mir und ich ihnen. Und immer sind sie es wert, erspürt, geschrieben und photographiert zu werden.

Mitunter gibt es während der Arbeit sehr berührende Momente; so wie heute, als ich vor einem Gebäude stand, das derzeit zu einer Flüchtlingsunterkunft hergerichtet wird. Im Gespräch mit Bauarbeitern und Planern, mit Bundeswehrsoldaten und Sozialarbeitern, Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes, die das Gelände bewachen. Mitten im Baustellen- und Verkehrslärm dann ein stiller Moment während einer Kaffeepause: Gleichzeitig schauten eine junge Frau und ich auf, in den pastellfarben graublauen Winternebelhimmel.

Leises Rauschen über unseren Köpfen hatte unsere Aufmerksamkeit geweckt. Und plötzlich stupste einer den anderen mit dem Ellbogen an in der Runde. Nickte mit dem Kopf nach oben oder deutete mit der Hand hinauf. Flüsterte: »Schau mal…!«. Über das mit Stacheldraht abgezäunte Gelände flogen sechs Schwäne mit ruhigen, kraftvollen Flügelschlägen wasserwärts, zum Rhein. Ein poetischer, unwirklicher Augenblick der Stille und des Innehaltens, wir blickten uns an, mit einem leisen Lächeln, unberührt geblieben ist keiner. Weil uns die Schwäne alle an etwas erinnerten. An Märchen der Brüder Grimm aus Kindertagen, an Träume und vor allem daran, dass alles gut werden kann.
Weil es möglich ist. Und man die Hoffnung nicht aufgeben darf.

Foto: Fundstück aus einem Flur, mit einem Goethe-Zitat. »Es hört doch jeder nur, was er versteht.« ©HeikeRost.com 26.11.2015

PS: Der Psychologe und Philosoph Wilhelm Salber interpretiert das Märchen »Die sechs Schwäne« als eine Geschichte des Suchens und Findens, der Balance zwischen Zuviel und Zuwenig, mit Chancen und Hoffnungen für Neues ebenso wie für Fehlentscheidungen und Verwirrungen. Das Märchen charakterisiere »Verrückungen und Risse unseres Handelns in Umbruchszeiten mit ungewissem Ausgang«.

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Herbstlicht an der Ostsee

von Heike Rost am 12. Oktober 2015 · 0 Kommentare

in Betrachtung

»Das wahre Licht ist das Licht,
das aus dem Innern der menschlichen Seele hervorbricht,
das den anderen das Geheimnis seiner Seele offenbart
und andere glücklich macht…«
~Khalil Gibran

Foto ©HeikeRost.com 10.10.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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